'Ego sum Ens Omnipotens, Omnisapiens, in Spiritu Intellectronico Navigans, luce cybernetica in saecula saeculorum litteris opera omnia cognoscens, et cetera, et cetera.'
Das Gespräch mußte in lateinischer Sprache geführt werden, ich will es dir jedoch, so gut ich kann, in ein geläufigeres Idiom übersetzen. Als ich die Stimme der Maschine vernommen und sie sich mir vorgestellt hatte, wuchs meine Furcht ins Unermeßliche, so daß ich absolut unfähig war, die Befragung fortzusetzen. Erst als Klapauzius zurückgekehrt war, die Transzendenz reduziert und die Omnipotenz auf ein Milliardstel ihrer ursprünglichen Spannung vermindert hatte, faßte ich wieder Mut und bat den Ultimator, ob er vielleicht so freundlich wäre, auf Fragen im Zusammenhang mit der Maximalen Stufe der Entwicklung und ihrer schrecklichen Geheimnisse zu antworten. Aber Klapauzius erklärte mir, so dürfe man keinesfalls verfahren; er gab dem Ontologischen Computer den Befehl, in seinen silbernen und kristallenen Tiefen einen einzelnen Bewohner des quadratischen Planeten zu modellieren und das Modell gleichzeitig mit einer gewissen Portion Schwatzhaftigkeit auszustatten; erst nachdem dieser Befehl in Windeseile ausgeführt war, konnte die eigentliche Arbeit beginnen.
Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich immer noch vor Angst schlotterte und kein Wort herausbrachte, daher übernahm Klapauzius meinen Platz im Zentralen Schaltpult und begann:
'Wer bist du?'
'Wie oft soll ich noch auf ein und dieselbe Frage antworten?' fragte die Maschine gereizt.
'Mir geht es darum, ob du ein Mensch oder ein Roboter bist', erklärte Klapauzius.
'Und was ist deiner Meinung nach der Unterschied?' ließ sich die Stimme aus der Maschine vernehmen.
'Wenn du fortfährst, Fragen mit Fragen zu beantworten, dann wird unser Gespräch bis zum Jüngsten Tag dauern!' knurrte Klapauzius unfreundlich. 'Du weißt doch ganz genau, worauf ich hinaus will! Los, rede endlich!'
Obwohl ich zutiefst erschrocken war, wie Klapauzius mit der Maschine umsprang, schien er den richtigen Ton getroffen zu haben, denn sie antwortete:
'Manchmal bauen Menschen Roboter, und manchmal Roboter - Menschen; ob man nun mit Metall oder Protoplasma denkt, ist letztlich gleichgültig. Ich kann beliebige Formen, Dimensionen und Gestalten annehmen, genauer gesagt, das tat ich früher einmal, denn heute gibt sich niemand von uns mehr mit solchen Kleinigkeiten ab.'
'Ach, wirklich?' gab Klapauzius zurück. 'Und weshalb liegt ihr den ganzen Tag und tut gar nichts?'
'Und was sollten wir denn tun?' entgegnete die Maschine. Klapauzius schoß die Zornesröte ins Gesicht, er beherrschte sich jedoch und sagte:
'Woher soll ich das wissen? Wir auf unserer niedrigeren Entwicklungsstufe tun eine Menge Dinge.'
'Das haben wir früher auch getan.'
'Aber jetzt nicht mehr?'
'Nein.'
'Weshalb?'
Dieser Frage wich das digitale Modell zunächst aus, indem es behauptete, es habe bereits sechs Millionen derartiger Befragungen über sich ergehen lassen, die aber weder ihm noch den Fragenden auch nur den mindesten Nutzen gebracht hätten. Nachdem Klapauzius jedoch die Transzendenzspannung erhöht und den Schwatzhaftigkeitsregler etwas aufgedreht hatte, fand sich die Maschine zu einer Antwort bereit:
'Vor etwa einer Milliarde Jahren waren wir eine Zivilisation wie jede andere. Wir glaubten an die Seelenwanderung, an die Jungfräuliche Matrix, an den mystischen Feedback zwischen einem jeden Wesen und dem Großen Programmierer, und was dergleichen Dinge mehr sind. Dann aber kam die Ära der Skeptizisten, Empirizisten und Akzidentalisten, sie gelangten in nicht mehr als neun Jahrhunderten zu dem Schluß, daß es Niemanden Da Oben gibt und daß die Dinge folglich nicht aufgrund Höherer Zwecke oder Pläne geschehen, sondern einfach so passieren.'
'Was soll das heißen, einfach so?' rief ich unwillkürlich aus.
'Wie du weißt, gibt es bucklige Roboter', erwiderte die Stimme aus der Maschine. 'Wenn du unter einem Buckel oder einer anderen Mißbildung zu leiden hast, jedoch fest daran glaubst, daß der Große Programmierer gerade deinen Buckel braucht, um Seine Kosmischen Pläne zu verwirklichen, und daß daher die Gestalt deines Körpers noch vor der Schöpfung der Welt festgelegt war, dann kannst du dich ohne weiteres mit deinem Zustand abfinden. Wenn man dir aber sagt, daß deine Mißbildung lediglich eine Folge davon ist, daß ein paar Atome verrutscht und nicht an ihren richtigen Platz gelangt sind, was bleibt dir dann, als jede Nacht Ströme von Tränen zu vergießen?'
'Aber so muß es doch nicht sein!' protestierte ich. 'Einen Buckel kann man begradigen, eine Mißbildung korrigieren, wenn nur die Wissenschaft auf dem entsprechenden Niveau steht!'
'Ich weiß', sagte die Maschine mürrisch. 'Einem schlichten und unwissenden Gemüt mögen die Dinge tatsächlich so vorkommen.'
'Du meinst demnach, sie liegen gänzlich anders?' fragten Klapauzius und ich wie aus einem Munde.
'Wenn eine Zivilisation erst einmal anfängt, Buckel zu begradigen', sagte die Maschine, 'glaubt mir, dann gibt es kein Halten mehr! Man kann nicht nur Buckel begradigen, sondern auch einen defekten Verstand zusammenflicken, man kann Sonnen quadratisch machen, Planeten mit Beinen versehen und synthetische Schicksale fabrizieren, natürlich sehr viel süßere als die echten; all das fängt ganz harmlos mit dem Funkenschlagen aus Feuersteinen an, enden aber tut es mit dem Bau von Pankratorien und Omniszientarien! Die Wüste auf unserem Planeten ist gar keine Wüste, sondern ein Supertheotron, millionenmal stärker als dieser primitive Kasten, den ihr gebaut habt. Unsere Vorfahren haben es aus dem einfachen Grunde geschaffen, weil ihnen jede andere Aufgabe schon zu leicht erschienen wäre. In ihrem Größenwahn wollten sie sogar den Sand unter ihren Füßen zur denkenden Materie machen. Natürlich ein völlig nutzloses Unterfangen, denn wenn man alles zu tun vermag, gibt es keine Steigerung mehr. Geht das in euren Kopf, meine unterentwickelten Zuhörer?'
'Ja natürlich', sagte Klapauzius, während ich erneut vor Angst schlotterte. 'Aber weshalb befaßt ihr euch nicht wenigstens mit einer anregenden Tätigkeit, anstatt in diesem genialen Sand herumzuliegen und euch von Zeit zu Zeit zu kratzen?'
'Weil die Allmacht erst dann am allmächtigsten ist, wenn sie absolut nichts tut!' gab die Maschine zurück. 'Den Gipfel kann man erklimmen, aber wenn man einmal oben ist, sieht man, daß alle Wege nur noch bergab führen! Wir sind doch schließlich vernünftige Leute, weshalb sollten wir den Wunsch verspüren, etwas zu tun? Schon unsere Ururväter haben unsere Sonne in einen Würfel verwandelt und unseren Planeten kastenförmig gemacht, wobei sie die höchsten Berge zu einem Monogramm zusammenfügten, das taten sie jedoch nur, um ihr Theotron zu testen. Ebenso gut könnte man die Sterne im Karomuster anordnen, die eine Hälfte ausknipsen und nur die andere Hälfte leuchten lassen oder Wesen konstruieren, die von kleineren Wesen bevölkert sind, so daß die Gedanken der Riesen in Tänzen von Millionen Zwergen zum Ausdruck kämen. Man könnte an Millionen Orten zugleich sein oder die Galaxien verschieben, so daß sie sich zu ästhetischen Bildern zusammenfügten; sag mir jedoch bitte, weshalb sollten wir uns auch nur einer dieser Aufgaben unterziehen? Was würde sich denn bessern im Universum, wenn die Sterne dreieckig wären oder Räder hätten?'
'Aber du redest doch Unsinn!' schrie Klapauzius äußerst ungehalten, während ich stärker als je zitterte und bebte. 'Da ihr den Göttern gleichkommt, habt ihr die Pflicht, alles Leid, Unglück und Elend, das andere denkende und fühlen de Wesen quält, auf der Stelle zu beseitigen, anfangen aber müßtet ihr bei euren Nachbarn, die sich - wie ich mit eigenen Augen gesehen habe - ständig den Schädel einschlagen! Ihr aber zieht es vor, den ganzen Tag auf der faulen Haut zu liegen, in der Nase zu bohren und euch über rechtschaffene Reisende, die auf der Suche nach Weisheit sind, mit albernen Zuckergußbotschaften lustig zu machen!'
'Ich verstehe gar nicht, weshalb dich ausgerechnet dieser Zuckerguß so auf die Palme gebracht hat', sagte die Maschine. 'Aber lassen wir das. Wenn ich dich richtig verstehe, verlangst du von uns, daß wir jedermann glücklich machen. Mit diesem Problem haben wir uns vor etwa fünfzehn Jahrtausenden gründlich befaßt. Die Felizitologie oder Programmierte Eudämonistik gliedert sich im Prinzip in zwei Richtungen, die schlagartige, revolutionäre und die stufenweise, evolutionäre. Die evolutionäre Richtung besteht im wesentlichen darin, keinen Finger zu rühren und voll und ganz darauf zu vertrauen, daß sich jede Zivilisation schon aus eigener Kraft irgendwie durchwursteln wird. Die revolutionäre Richtung arbeitet mit Zuckerbrot und Peitsche. Der Einsatz der Peitsche, d.h. die Schaffung des Glücks mit Gewalt, hat nach unseren Berechnungen zwischen hundert und achthundertmal mehr Unglück zur Folge als der Verzicht auf jegliche Intervention. Bei der Zuckerbrot-Methode sind die Resultate - so unglaublich das auch klingen mag - genau dieselben, und zwar unabhängig davon, ob man ein Supertheotron oder einen Höllischen Infernator, auch genannt Gehennerator, einsetzt. Vielleicht hast du schon einmal von der sogenannten Krabbe Nebula gehört?'
'Aber natürlich', erwiderte Klapauzius, 'das sind die Reste einer Supernova, die vor langer Zeit explodiert ist.'
'Supernova! In der Tat!' war das höhnische Echo aus der Maschine. 'Nein, mein treuherziger Freund, dort war ein Planet, sogar ein ziemlich zivilisierter, auf dem Blut, Schweiß und Tränen in reichlichem Maße flossen. Eines Morgens warfen wir daher achthundert Millionen Volltransistorisierte Wunscherfüller über dem Planeten ab, aber wir hatten uns noch keine Lichtwoche von ihm entfernt, als er explodierte - winzige Stücke und Splitter fliegen bis auf den heutigen Tag durchs Weltall! Ähnlich war es mit dem Planeten der Hominaten ... soll ich dir auch davon erzählen?'
'Nein, danke!' brummte Klapauzius mürrisch. 'Aber ich kann einfach nicht glauben, daß es unmöglich sein soll, andere glücklich zu machen! Mit etwas Umsicht und Finger spitzengefühl müßte ...'
'Du glaubst mir nicht?' unterbrach ihn die Maschine. 'Dann kann ich dir auch nicht helfen. Wir haben es Vierundsechzigtausendfünfhundertunddreizehnmal versucht. Die Haare stehen mir noch heute auf jedem meiner Köpfe zu Berge, wenn ich an die Resultate denke. Wahrlich, für das Wohl und Wehe unserer Mitkreaturen haben wir keine Mühe gescheut. Wir bauten eine Spezialapparatur zur Telespektroskopie der Träume, wie du jedoch ohne weiteres einsehen wirst, sahen wir unsere Aufgabe nicht darin - wenn zum Beispiel auf einem Planeten ein Religionskrieg tobte, und die eine Seite nichts sehnlicher wünschte, als die andere zu massakrieren - alle Träume in Erfüllung gehen zu lassen. Es ging somit darum, das Glück zu schaffen, ohne Höhere Normen zu verletzen. Das Problem wurde zusätzlich durch den Umstand kompliziert, daß sich die meisten Zivilisationen in den tiefsten Tiefen ihres Herzens nach Dingen sehnen, zu denen sie sich öffentlich niemals bekennen würden. Folglich entstand ein neues Dilemma: Sollten wir sie bei den Zielen unterstützen, die sie mit einem Rest an Schamgefühl und Anstand verfolgten oder sollten wir ihre ureigensten, tief im Herzen verborgenen Wünsche erfüllen? Nimm zum Beispiel die Dementianer und die Amentianer. Die Dementianer verbrannten in ihrer mittelalterlichen Frömmigkeit alle auf dem Scheiterhaufen, die mit dem Teufel paktiert hatten, in erster Linie Frauen. Sie taten das zum einen, weil sie ihnen die mit dem Satan genossenen Wonnen mißgönnten, zum anderen, weil sie entdeckt hatten, daß Folterungen im Namen des Rechts ein außerordentliches Vergnügen sein konnten. Die Amentianer wiederum verehrten nichts außer ihrem eigenen Körper, den sie mit Maschinen in wollüstige Erregung brachten, und diese Beschäftigung, wenngleich in Maßen ausgeübt, stellte ihr Hauptvergnügen dar. Sie hatten Glaskästen, vollgestopft mit diversen Vergewaltigungen, Morden und Feuersbrünsten, deren Anblick ihren sinnlichen Appetit nur noch mehr anregen sollte. Wir warfen über ihrem Planeten eine Unzahl von Spezialapparaturen ab, die so konstruiert waren, daß sie alle geheimen Sehnsüchte und Begierden befriedigten, ohne irgendjemandem zu schaden; dies geschah in der Weise, daß für jedes Individuum eine gesonderte künstliche Realität geschaffen wurde. Fünf Wochen dauerte es bei den Dementianern, immerhin sechs bei den Amentianern, dann waren sie alle vor lauter Wonne zugrundegegangen; ein ekstatisches Stöhnen aus Millionen Kehlen begleitete ihren Todeskampf! Vielleicht schweben dir solche Methoden vor, minderentwickeltes Wesen?'
'Entweder bist du ein kompletter Idiot oder ein Ungeheuer!' knurrte Klapauzius, während ich einer Ohnmacht nahe war. 'Wie kannst du es wagen, dich mit solchen Schandtaten zu brüsten?'
'Ich brüste mich nicht mit ihnen, ich beichte sie dir', erwiderte die Stimme gleichmütig. 'Glaub mir, wir haben wirklich alle denkbaren Methoden ausprobiert. Auf verschiedenen Planeten ließen wir einen Regen von Reichtum, ja ganze Fluten von Wohlstand und Überfluß niedergehen, das Resultat war die totale Lähmung jeglicher Initiative und Arbeitsfreude; wir gaben auch gute Ratschläge, zum Dank dafür eröffneten die Eingeborenen das Feuer auf unsere Roteller, d.h. fliegenden Untertassen. Wahrlich, es hat ganz den Anschein, als müsse man zunächst den Charakter derer ändern, die man glücklich zu machen wünscht ...'
'Dazu seid ihr am Ende auch noch in der Lage!' brummte Klapauzius mißvergnügt.
'Aber ja, gewiß doch! Nimm zum Beispiel unsere Nachbarn, die einen quasiterranen, d.h. geomorphen Planeten bewohnen. Ich meine die Anthropoden. Heute befassen sie sich in erster Linie mit transzendentalen Windbeuteleien und Metapherrenkungen, denn sie schweben in panischer Furcht vor der Ehrwürdigen Flatomatrone, die ihrer Meinung nach im Jenseits auf alle Sünder mit weit aufgerissenem, Höllenfeuer speienden Rachen lauert. Da ein junger Anthropode den Seligen Zimbellianern sowie dem Heiligen Brechbuddhian getreulich nacheifert und den Fastidianern aus Scheußlichtenstein wohlweislich aus dem Wege geht, wird er mit der Zeit fleißiger, tugendhafter und edler, als es seine achtarmigen Vorfahren waren. Zwar stehen die Anthropoden in einem ständigen Glaubenskrieg mit den Anthropannen - hervorgerufen durch die brennende Frage, ob der Zwang den Drang auslöse oder umgekehrt der Drang den Zwang - du mußt jedoch bedenken, daß bei diesen Kämpfen in aller Regel nur die Hälfte einer jeden Generation zugrundegeht. Nun verlangst du von mir, daß ich ihnen den Glauben an Transzendentale Windbeuteleien, an die Ehrwürdige Flatomatrone und all den übrigen Unsinn einfach aus dem Kopf schlage, um sie damit einer rationalen Beglückung zugänglich zu machen. Das aber wäre gleichbedeutend mit psychischem Mord, denn die Wesen, die dabei herauskämen, wären ja keine Anthropoden oder Anthropannen mehr. Siehst du das ein?'
'Ja schon, doch der Aberglaube muß dem Wissen weichen!'
'Das steht außer Frage! Doch bedenke bitte, daß es auf dem Planeten derzeit fast sieben Millionen Büßer gibt, die nicht selten ihr ganzes Leben damit verbracht haben, ihre eigene Natur zu vergewaltigen, nur um ihre Nächsten vor der Schrecklichen Flatomatrone zu bewahren. Und ich soll ihnen in weniger als einer Sekunde erklären, soll sie davon überzeugen, ohne bei ihnen auch nur den Schatten eines Zweifels zurückzulassen, daß all das umsonst war, daß sie ihr ganzes Leben mit völlig nutz- und inhaltlosen Opfern vergeudet haben? Wäre das nicht grausam? Der Aberglaube muß dem Wissen weichen, das aber braucht seine Zeit. Denk an den Buckligen, über den wir gesprochen haben. Er lebt in dunkler, wohltätiger Unwissenheit, weil er glaubt, daß sein Buckel im Werk der Schöpfung eine kosmische Rolle erfüllt. Wenn du ihm erklärst, daß er lediglich das Resultat eines molekularen Unfalls ist, so wirst du ihn in Verzweiflung stürzen. Also müßtest du den Buckel sogleich begradigen ...'
'Ja, natürlich!' rief Klapauzius aus.
'Auch das haben wir gemacht. Mein Großvater hat seinerzeit dreihundert Buckel auf einmal begradigt. Und wie sehr hat er es später bereut!'
'Weshalb?' fragte ich unwillkürlich.
'Weshalb? Einhundertzwölf von diesen Unglücklichen wurden sogleich in Öl gesotten, denn man sah ihre plötzliche und wundersame Heilung als sicheres Indiz dafür an, daß sie ihre Seele dem Teufel verkauft hatten; dreißig wurden, da nicht länger untauglich, sofort zum Militär eingezogen und fielen in verschiedenen Schlachten unter verschiedenen Fahnen; siebzehn soffen sich vor Freude über ihre Genesung augenblicklich zu Tode, und der Rest - mein wohlmeinender Großvater hatte ihnen als Draufgabe außerordentliche Schönheit verliehen - welkte durch übermäßige Anstrengung bei erotischen Aktivitäten rasch dahin; nachdem sie diese Vergnügungen so lange Zeit hatten entbehren müssen, stürzten sie sich jetzt in jede Art von Ausschweifungen, leider derart heftig und zügellos, daß sie innerhalb von zwei Jahren alle unter dem grünen Rasen lagen. Es gab da eine Ausnahme ... aber die ist kaum der Rede wert.'
'Erzähl zu Ende, wenn du schon einmal angefangen hast!' schrie Klapauzius, offensichtlich aufs äußerste erregt.
'Also gut, wenn du unbedingt willst. Ganze zwei waren übriggeblieben. Der erste erschien bei meinem Großvater und bat ihn auf Knien, er möge ihm seinen Buckel zurückge ben. Als Krüppel hatte er nicht schlecht von Almosen gelebt, als Gesunder aber mußte er arbeiten, woran er nicht gewöhnt war. Am meisten störte ihn, daß er jedesmal mit der Stirn gegen den Türbalken stieß, wenn er irgendwo eintreten wollte ...'
'Und der zweite?' fragte Klapauzius.
'Der zweite war ein Prinz, der wegen seines Gebrechens von der Thronfolge ausgeschlossen war; nach seiner plötzlichen Heilung ließ ihn seine Stiefmutter, die die Rechte ihres leiblichen Sohnes bedroht sah, vergiften.'
'Ich verstehe ... Aber ihr könnt doch Wunder tun, nicht wahr?' sagte Klapauzius, Verzweiflung in der Stimme.
'Glück mit Hilfe von Wundern zu schaffen, gehört zu den riskantesten Techniken, die ich kenne', gab die Maschine ernst zurück. 'Und wen sollte man durch Wunder ändern? Das Individuum? Zuviel Schönheit sprengt die ehelichen Bande, zuviel Wissen macht einsam, und zuviel Reichtum führt geradewegs in den Wahnsinn. Nein, tausendmal nein! Individuen kann man nicht und Gesellschaften darf man nicht glücklich machen, denn jede Gesellschaft muß ihren eigenen Weg gehen, indem sie auf natürliche Weise Stufe um Stufe der Entwicklung durchläuft und alles Gute und Schlechte, was dabei herauskommt, ausschließlich sich selbst zu verdanken hat. Für uns auf der MAximalen STufe der ENtwicklung gibt es im Kosmos nichts mehr zu tun; und einen anderen Kosmos zu schaffen würde nach meiner Meinung nur von äußerst schlechtem Geschmack zeugen. Weshalb sollten wir das tun? Um uns selbst zu erhöhen? Ein monströser Gedanke! Vielleicht um der zu schaffenden Wesen willen? Aber es gibt sie nicht, weshalb sollten wir also etwas für nichtexistierende Kreaturen tun? Irgendetwas kann man natürlich machen, jedoch nur, solange man nicht in der Lage ist, alles zu machen. Wenn dieser Punkt erreicht ist, sollte man die Hände in den Schoß legen ... und jetzt laßt mich endlich in Ruhe!'
'Aber wie können wir das? Weißt du denn kein Mittel, um das Leben nur ein wenig zu verbessern und dem Nächsten zu helfen? Denk doch an all die Leidenden! Hallo! Bist du noch da?' riefen Klapauzius und ich durcheinander.
Die Maschine gähnte und sagte:
'Hat es überhaupt einen Sinn gehabt, mit euch zu sprechen? Wäre es nicht vernünftiger gewesen, von vornherein so zu verfahren, wie man es auf unserem Planeten mit allen Eindringlingen tut? Es ist doch immer ein und dasselbe.
Aber wie ihr wollt! Hier habt ihr eine Formel, die noch nicht ausprobiert wurde, ich warne jedoch ausdrücklich vor den Folgen! Und jetzt macht damit, was ihr wollt. Ruhe und nochmals Ruhe - das ist das einzige, an dem mir jetzt gelegen ist. Laßt mich endlich allein, damit ich inmitten von Myriaden Theostaten und Deioden meditieren kann ...'
Die Maschine verstummte, ein Licht nach dem anderen erlosch auf den Schalttafeln, und wir standen da und lasen die Karte, die sie gerade für uns gedruckt hatte. Der Text lautete in etwa so:
ALTRUIZIN. Metapsychotropes Transmitter-Präparat, wirkt auf alle sensitiven Albuminoiden. Gefühle, Emotionen und Empfindungen des Individuums werden durch ALTRUIZIN auf alle Wesen übertragen, die sich im Umkreis von maximal vierhundert Schritt befinden. Funktioniert auf telepathischer Grundlage, überträgt jedoch garantiert keine Gedanken. Wirkt nicht auf Roboter und Pflanzen. Die Empfindungen des Individuums (Sender) werden auf die Symphatici (Empfänger) übertragen. Aufgrund von Sekundärretransmission wird die Intensität der Empfindungen um so größer, je mehr Empfänger am sensitiven Rückkopplungskreis beteiligt sind. Entsprechend der Konzeption seines Erfinders wird ALTRUlZIN in jeder Gesellschaft die unumschränkte Herrschaft der Brüderlichkeit, Solidarität und tiefsten Sympathie sicherstellen, denn die Nachbarn eines glücklichen Einzelwesens müssen dessen Glück teilen, und je glücklicher das Individuum, um so glücklicher sind zwangsläufig auch sie, so daß es in ihrem ureigensten Interesse liegt, ihrem Nächsten aus ganzem Herzen nur das Allerbeste zu wünschen. Wenn jemand Schmerzen leidet, so werden ihm sogleich alle zur Hilfe eilen, um sich selbst vom dadurch induzierten Schmerz zu befreien. Weder Mauern, Zäune, Hecken noch andere Hindernisse können die altruisierende Wirkung aufhalten. Das Präparat ist wasserlöslich; es kann über Wasserleitungen, Flüsse, Brunnen etc. verteilt werden. Geschmack- und geruchlos; ein Millimikrogramm ist ausreichend für einhunderttausend Individuen. Für Folgen, die nicht im Sinne des Erfinders sind, kann keine Haftung übernommen werden. Für den computerisierten Repräsentanten der Max. Stu. d. Entw. - der Ultimator-Omnigenerator.
Klapauzius brummte mißmutig, Altruizin werde aus schließlich bei Menschen zur Anwendung kommen, während die armen Roboter wie eh und je all ihr vom Schicksal zugemessenes Unglück tragen müßten. Ich aber faßte mir ein Herz und wies ihn mit der Bemerkung zurecht, er habe wohl noch nie etwas von der Solidarität aller denkenden Wesen und der Notwendigkeit gehört, unseren organischen Brüdern zu helfen. Sodann kamen wir auf praktische Dinge zu sprechen, denn wir waren uns darüber einig, daß die Aktion zur Schaffung des Glücks keinen Aufschub duldete. Während Klapauzius eine Unterabteilung des ONALCO damit beauftragte, das Präparat in der benötigten Menge herzustellen, faßte ich nach eingehender Beratung mit dem berühmten Konstrukteur den Entschluß, meine Mission auf einem geomorphen, von menschenähnlichen Wesen bewohnten Planeten zu beginnen, der nur knapp vier Tagesreisen entfernt war. Als Wohltäter wollte ich anonym bleiben, daher erschien es uns am zweckmäßigsten, mich in einen Menschen zu verwandeln. Das ist bekanntlich keine leichte Aufgabe, aber der Genius des Konstrukteurs überwand auch in diesem Fall sämtliche Hindernisse, und bald stand ich reisefertig da, mit einem Koffer in jeder Hand. Der eine Koffer enthielt vierzig Kilogramm Altruizin in Form von weißem Pulver, der andere war vollgestopft mit diversen Toilettenartikeln, Schlafanzügen, Unterwäsche und wichtigen Ersatzteilen wie Reserve-Nasen, Augen, Ohren, Haaren, Wangen etc. Ich reiste in Gestalt eines wohlproportionierten jungen Mannes mit Schnurrbart und Schmalzlocke. Klapauzius hegte gewisse Zweifel, ob es ratsam sei, Altruizin gleich in großem Maßstab anzuwenden, und obwohl ich seine Vorbehalte nicht teilte, war ich einverstanden, nach meiner Ankunft auf Terrania (so hieß der geomorphe Planet) zunächst ein Probeexperiment durchzuführen. Da ich dem Augenblick entgegenfieberte, da ich mit der großen Aussat von Brüderlichkeit und Solidarität beginnen konnte, verabschiedete ich mich ebenso herzlich wie hastig von Klapauzius und machte mich unverzüglich auf den Weg.
Um den ersten Test durchzuführen, begab ich mich gleich nach meiner Ankunft zu einem kleinen Weiler, wo ich mich ins Gasthaus einquartierte, das einem mürrischen Greis gehörte. Als man mein Gepäck von der Kutsche in die Gaststube trug, gelang es mir, unbemerkt eine Handvoll des weißen Pulvers in den nahegelegenen Brunnen zu schütten. Auf dem Hof herrschte hektische Betriebsamkeit, Mägde rannten mit Bottichen voll kochendem Wasser hin und her, der Wirt trieb sie fluchend zur Eile an; dann hörte man Hufgetrappel, eine Kalesche rollte in den Hof, und heraus sprang ein alter Mann mit einem Arztköfferchen in der Hand - sein Ziel war jedoch nicht das Haus, sondern der Stall, aus dem von Zeit zu Zeit ein dumpfes Brüllen erscholl. Wie ich vom Zimmermädchen erfuhr, war ein terranisches Tier, das dem Wirt gehörte - eine sogenannte Kuh - gerade dabei, zu gebären. Diese Neuigkeit beunruhigte mich ein wenig, denn ehrlich gesagt war mir niemals in den Sinn gekommen, auch die animalische Seite des Problems zu bedenken. Jetzt aber konnte ich nichts mehr tun, also schloß ich mich ein und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Und die ließen tatsächlich nicht lange auf sich warten. Ich hörte das Rasseln der Brunnenkette - die Mägde holten schon wieder Wasser - und nach einer Weile das Brüllen der Kuh, diesmal von einem vielstimmigen Echo begleitet. Gleich darauf stürzte der Tierarzt aus dem Stall, preßte die Hände vor den Bauch und schrie vor Schmerzen, hinter ihm rannten die Küchenmägde, zum Schluß der Wirt. Da alle an den Geburtswehen der Kuh teilhatten, flohen sie unter großem Geschrei in alle vier Himmelsrichtungen, um bald wieder zurückzukehren, da die Schmerzen in einer bestimmten Entfernung schlagartig aufhörten. Wieder und wieder setzten sie zum Sturm auf den Stall an, wurden jedoch zum Rückzug in höchstem Tempo gezwungen, überwältigt von schmerzhaften Krämpfen. Bestürzt über die unerwartete Entwicklung der Ereignisse kam ich zu der Erkenntnis, das Experiment ließe sich nur in der Stadt durchführen, wo es keine Tiere gibt. Also packte ich rasch meine Sachen und ging hinunter, um die Rechnung zu begleichen. Da aber jedermann in Haus und Hof vollauf damit beschäftigt war, das Kalb zur Welt zu bringen, konnte ich meine löbliche Absicht nicht verwirklichen. Ich steuerte auf die Kalesche zu, als ich aber erkennen mußte, daß der Kutscher mitsamt seinen Pferden hoffnungslos in den Wehen lag, entschloß ich mich, den Weg zur nahegelegenen Stadt zu Fuß zurückzule gen. Wie es das Unglück jedoch wollte, ging ich gerade über eine schmale Brücke, als mir der Koffer aus der Hand rutschte, aufsprang und seinen ganzen Inhalt in den Fluß unter mir ergoß. Völlig verwirrt stand ich da und mußte mitansehen, wie die reißende Strömung die ganzen vierzig Kilogramm Altruizin mit sich forttrug. Jetzt war nichts mehr zu machen, die Würfel waren gefallen, denn eben dieser Fluß versorgte die gesamte stromabwärts gelegene Stadt mit Trinkwasser.
Es war Abend geworden, bis ich die Stadt erreichte; die hell erleuchteten Straßen waren voller Lärm und Menschen. Ich stieg in einem kleinen Hotel ab und wartete voller Spannung auf die ersten Anzeichen der Wirkung des Präpa rats; zunächst waren jedoch keine zu entdecken. Müde nach dem langen Fußmarsch schlief ich bald ein, wurde jedoch gegen Mitternacht durch markerschütternde Schreie geweckt. Ich sprang mit einem Satz aus dem Bett. Mein Zimmer war taghell, dank der lodernden Flammen, die das gegenüberliegende Gebäude verschlangen; als ich auf die Straße hinauslief, stolperte ich gleich am Hauseingang über einen Leichnam, der noch nicht erkaltet war. Nicht weit von mir hielten sechs Strolche einen gellend um Hilfe schreien den Greis fest und rissen ihm mit einer Zange einen Zahn nach dem anderen aus dem Mund, bis ein vielstimmiges Triumphgeheul kundtat, daß sie endlich den richtigen gefunden und gezogen hatten, dessen verfaulte Wurzel aufgrund der metapsychotropen Transmission die Ursache ihrer wahnsinnigen Schmerzen gewesen war. Sie ließen den alten Mann halbtot in der Gosse liegen und zogen - sichtlich erleichtert - weiter.
Es war aber nicht der Schrei dieses Unglücklichen, der mich aus meinem Schlummer gerissen hatte; der Grund lag vielmehr in einem Vorfall, der sich in der Kneipe gegenüber zugetragen hatte. Ein betrunkener Kraftprotz hatte seinem Tischnachbarn ins Gesicht geschlagen und spürte nun dessen Schmerz am eigenen Leibe; darüber geriet er so in Wut, daß er sein Gegenüber erst recht verdreschen wollte. Die übrigen Zecher indes, die ja nicht weniger in Mitleidenschaft gezogen waren, sprangen auf und stürzten sich auf die beiden Kampfhähne, und bald nahm der Teufelskreis der wechselseitigen Schmerzen und Schläge solche Dimensionen an, daß die Hälfte aller Gäste in meinem Hotel aus dem Schlaf gerissen wurde; sie bewaffneten sich hurtig mit Stöcken, Knüppeln und Besenstielen und wälzten sich bald als ein einziges wogendes Knäuel zwischen zerbrochenen Gläsern und zertrümmerten Stühlen, bis eine umgestürzte Petroleumlampe alles in Brand setzte. Unter dem Schrillen der Alarmglocken, dem Heulen der Sirenen und der Verwundeten dieses Kampfes suchte ich so schnell wie möglich das Weite. Ein paar Straßen weiter stieß ich auf eine Menschenmenge, die sich um ein weißes Häuschen umgeben von Rosensträuchern drängte. Wie ich herausfand, verbrachte ein junges Brautpaar hier seine Hochzeitsnacht. Es herrschte ein unerhörtes Gedränge, man sah Uniformen, geistliche Gewänder und sogar Schülermützen; die dem Haus am nächsten waren, steckten ihre Köpfe durch die Fenster, andere kletterten ihnen auf die Schultern und schrien: 'Na, was ist jetzt? Wozu die Trödelei?! Wie lange müssen wir noch warten?! Zur Sache, und nicht gefackelt!' usw. Ein alter Mann, schon zu schwach, um sich durch die Menge nach vorn zu drängeln, flehte die Umstehenden unter Tränen an, sie möchten ihn doch durchlassen, denn aus der Ferne konnte er wegen seiner nicht mehr ganz intakten grauen Zellen nichts spüren; seine demütigen Bitten wurden überhaupt nicht zur Kenntnis genommen - einige aus der Menge fielen durch ein Übermaß an Wonne sanft in Ohnmacht, andere stöhnten leise vor Vergnügen, die Unerfahrensten aber bliesen voller Behagen Blasen durch die Nasen. Die Verwandten der Jungvermählten versuchten zunächst, die Bande frecher Eindringlinge zu vertreiben, bald aber wurden sie selbst von der überschwappenden Flut sinnlicher Begierde erfaßt und schlossen sich dem unflätigen Chor an, indem sie das Brautpaar heftig anfeuerten; die treibende Kraft bei diesem traurigen Spektakel war der Urgroßvater des Bräutigams, der immer wieder versuchte, die Tür zum Schlafzimmer mit seinem Rollstuhl einzurammen. Empört und entsetzt über diesen Anblick machte ich auf dem Absatz kehrt und eilte zum Hotel zurück; unterwegs traf ich auf einige teils in heftige Kämpfe, teils in unzüchtige Umarmungen verwickelte Gruppen von Individuen; all das war jedoch nichts im Vergleich zu den Szenen, die sich im Hotel abspielten. Schon von weitem sah ich, wie die Gäste im Nachthemd aus den Fenstern sprangen, wobei sie sich nicht selten die Beine brachen, einige kletterten sogar aufs Dach, während der Besitzer, seine Frau, die Zimmermädchen und Gepäckträger drinnen hektisch hin und her rannten, von Todesangst gepackt aufschrien und sich in Schränken oder unter den Betten versteckten - all das nur, weil eine Katze im Keller gerade ein Mäuslein jagte.
Erst jetzt fing ich an zu begreifen, daß ich in meinem Eifer wohl etwas voreilig gehandelt hatte. Bei Tagesanbruch war der Altruizin-Effekt bereits so stark, daß ein Jucken in der Nase eines Individuums genügte, um in der gesamten Nachbarschaft im Umkreis einer Meile donnernde Salven kollektiven Niesens auszulösen; vor Personen, die unter schweren Neuralgien litten, flohen Verwandte, Kranken schwestern und Ärzte in panischem Entsetzen; nur ein paar blasse, vor Wonne schwer atmende Masochisten hefteten sich hin und wieder an ihre Fersen. Es gab auch viele Ungläubige und Zweifler, die ihre Nächsten nur deshalb traten und schlugen, um sich zu überzeugen, ob es denn seine Richtigkeit habe mit dieser Transmission der Gefühle, von der jedermann sprach; die Malträtierten blieben ihrerseits die Antwort nicht schuldig, und bald hallte die ganze Stadt von dumpfen Schlägen und Tritten wider. Als ich um die Frühstückszeit einigermaßen ratlos und verwirrt durch die Straßen wanderte, traf ich beim Marktplatz auf eine unübersehbare, in Tränen aufgelöste Menschenmenge, die eine alte schwarzverschleierte Frau vor sich hertrieb und mit Steinen nach ihr warf. Wie sich herausstellte, war sie die Witwe eines hochbetagten Schusters, der am Tag zuvor gestorben war und an diesem Morgen beerdigt werden sollte; die abgrundtiefe Trauer der Schustersfrau war den Nachbarn und den Nachbarn der Nachbarn derart auf die Nerven gegangen, daß sie die Arme - nachdem sie nicht imstande waren, ihr auf irgendeine Weise Trost zu spenden - kurzerhand aus der Stadt vertrieben. Dieser traurige Anblick preßte mir das Herz zusammen, und ich kehrte so rasch als möglich zum Hotel zurück, aber auch das stand schon in hellen Flammen. Die Köchin hatte sich nämlich in der heißen Suppe den Finger verbrannt, woraufhin ihr plötzlicher Schmerz einen Rittmeister, der in der obersten Etage gerade sein Gewehr reinigte, dazu veranlaßte, unwillkürlich auf den Abzug zu drücken und mit einer einzigen Salve seine Frau nebst vier Kindern zu töten. Seine Verzweiflung übertrug sich auf alle, die noch nicht wegen einer Ohnmacht oder eines Beinbruchs im Krankenhaus gelandet waren; ein besonders wohlmeinendes Individuum aber, das dem uner träglichen kollektiven Leiden ein Ende setzen wollte, übergoß in einem offensichtlichen Anflug von Wahnsinn alle Gäste, derer es habhaft werden konnte, mit Petroleum und setzte sie in Brand. Ich floh wie ein Besessener vor der Feuersbrunst und begab mich auf die verzweifelte Suche nach wenigstens einem einzigen Menschen, von dem man mit Fug hätte sagen können, er sei zumindest einigermaßen, zumindest halbwegs glücklich gemacht worden; ich traf jedoch nur auf ein paar Nachzügler der Menschenmenge, die von der Hochzeitsnacht zurückkehrte.
Man sparte nicht mit Kommentaren zu diesem Ereignis, wobei deutlich wurde, daß die Leistung der Jungvermählten weit hinter den Erwartungen dieser Schufte zurückgeblieben war. Jeder der ehemaligen Mitbräutigame hielt einen kräfti gen Knüppel in der Hand, um Leidende zu vertreiben, die es wagen sollten, seinen Weg zu kreuzen. Ich glaubte, das Herz müßte mir vor Kummer und Scham zerspringen, aber immer noch suchte ich nach einem Menschen - und sei es auch nur einem einzigen -, der meine Gewissensbisse lindern könnte. Nachdem ich eine Reihe von Passanten befragt hatte, erhielt ich schließlich die Adresse eines berühmten Philosophen, eines glühenden Verfechters der Brüderlichkeit und aufgeklärten Toleranz, und ich lenkte meine Schritte zum angegebenen Ort in der sicheren Erwartung, seine Behausung von einer wogenden Menschenmenge umgeben zu finden. Aber weit gefehlt! Nur ein paar Katzen lagen schnurrend am Eingangstor und badeten in der Aura des guten Willens, die der weise Mann so reichlich verströmte - in gebührendem Abstand jedoch saßen einige gierig seibernde Hunde, die offensichtlich auf ihre Chance lauerten. Ein Krüppel rannte so schnell er konnte an mir vorbei und schrie: 'Die Kaninchenfarm wird heute eröffnet! Alle dürfen rein!' Ich zog es vor, keinerlei Vermutungen darüber anzustellen, inwiefern die in einer Kaninchenfarm vor sich gehenden Phänomene segensreiche Auswirkungen auf sein Gefühlsleben haben könnten.
Als ich so dastand, näherten sich mir zwei Männer. Der eine schaute mir tief in die Augen, während er ausholte und dem anderen einen krachenden Faustschlag auf die Nase versetzte. Ich starrte sie erstaunt an, ohne mir jedoch an die eigene Nase zu greifen oder vor Schmerz aufzustöhnen, da ich als Roboter den Schlag ja nicht spüren konnte; das aber war Beweis genug für meine Missetaten, denn die beiden waren von der Geheimpolizei und hatten die List nur zu dem Zweck angewandt, um mich zu entlarven. Sie legten mir Handschellen an und brachten mich ins Gefängnis, wo ich meine ganze Schuld eingestand, nicht zuletzt im Vertrauen darauf, daß man meine guten Intentionen strafmildernd berücksichtigen würde, wenngleich inzwischen die halbe Stadt in Flammen stand. Wenn sie mich anfangs nur leicht mit Zangen zwickten, so nur um sich zu überzeugen, daß ihnen dadurch selbst keinerlei Leiden verursacht würden; nachdem sie aber festgestellt hatten, daß sie nichts, aber auch gar nichts spürten, da fielen sie gleich scharenweise über mich her, trampelten auf mir herum, rissen mir Schrauben mitsamt dem Gewinde heraus und zertrümmer ten brutal Metallplatte für Metallplatte meines geschundenen Gehäuses. Ich will gar nicht sämtliche Qualen und Folterungen aufzählen, die ich für meinen aufrichtigen Wunsch erdulden mußte, sie alle glücklich zu machen; es genügt, daß man meine schäbigen Überreste schließlich in ein Kanonenrohr stopfte und weit in den Kosmos hinausschoß, der so dunkel und friedlich wie immer war. Im Flug schaute ich zurück und sah mit brechendem Blick, wie sich die Wirkung von Altruizin in zusehends größerem Maßstab entfaltete, denn die Wellen der Ströme, Flüsse und Bäche trugen das Präparat weiter und weiter. Ich sah, was mit den Vöglein des Waldes geschah, mit den Mönchen, Ziegen, Rittern, den Bauern und Bäuerinnen, den Hähnen, Jungfrauen und Matronen, und bei diesem Anblick platzten mir vor Gram und Herzeleid die letzten unbeschädigten Röhren - und in eben diesem Zustand landete ich nach langem Gleitflug nicht fern von deiner Behausung, mein edler Retter - ein für alle Mal geheilt von dem Wunsch, andere mit revolutionären Mitteln glücklich zu machen ..."